«Ich habe nicht das Recht, meine Mutter wiederzusehen»

Nakfa Kibreab floh im Jahr 2015 alleine aus Eritrea. Sie war erst vierzehn Jahre alt. Nach einer langen Reise kam sie im Juli 2016 in der Schweiz an, wo sie ein Asylgesuch einreichte. Bis heute konnte sie ihre Familie nicht wiedersehen, weil ihre Aufenthaltsbewilligung ihre Grundrechte einschränkt.

Der obligatorische Militärdienst hat sie dazu gebracht, aus Eritrea, ihrem Heimatland, zu fliehen. «Mein Vater wurde mit fünfzehn Jahren eingezogen. Ich wusste, dass ich auch bald drankommen würde und wollte nicht sein Leben wiederholen. Ein Leben ohne Freiheit und ohne die Möglichkeit, seinen Beruf frei zu wählen», erklärt die heute zwanzigjährige Nakfa Kibreab. Sie entschliesst sich also, aus dem Land zu fliehen, wie Hunderte andere eritreische unbegleitete Minderjährige. Sie sagt ihrer Familie nicht Bescheid. «Meine Eltern und meine Geschwister hätten sich zu viele Sorgen wegen der Gefahren im Exil gemacht und hätten mich wahrscheinlich davon abgehalten», erzählt uns die junge Frau.

Die Vierzehnjährige ging alleine in den Sudan, von dort weiter nach Libyen, wo sie ein Boot nach Italien nahm. Mehrere Male riskierte sie dabei ihr Leben. Für Geflüchtete auf der Suche nach Schutz gibt es nur sehr wenige Möglichkeiten, sicher nach Europa zu kommen. In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft musste Nakfa extrem gefährliche Routen wählen, wo einige auf schlimmste Weise misshandelt werden oder sogar ihr Leben verlieren. Endlich gesund und sicher in der Schweiz angekommen, reicht sie ein Asylgesuch ein. Die Jugendliche erhält sechs Monate später den Aufenthaltsstatus der vorläufig Aufgenommenen (Ausweis F).

Kein Recht auf Familienzusammenführung

© Stephan Hermann / COUPDOEIL

Aufgrund ihres Status und ihres Alters hat Nakfa Kibreab kein Recht auf Familienzusammenführung. Im heutigen Gesetz bezieht sich die Familienzusammenführung nur auf die engste Familie («Kernfamilie»). Deshalb kann eine Person mit vorläufiger Aufnahme in der Schweiz nur ihre_n Partner_in und ihre minderjährigen Kinder nachholen, und das auch nur unter besonderen Bedingungen. Die anderen Familienmitglieder haben kein Recht auf Familienzusammenführung. «Gleich nach meiner Ankunft habe ich meine Vormundin gefragt, ob ich einen meiner Halbbrüder in die Schweiz holen könnte. Sie hat zwar etwas unternommen, mir aber auch gesagt, dass es sehr schwierig sei. Ich habe herausgehört, dass es unmöglich ist. Deshalb habe ich es nicht länger versucht», erklärt sie entmutigt.

Im Rahmen der diesjährigen Kampagne zum Flüchtlingstag verlangt die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) von den Schweizer Behörden, das Wohlergehen und die Rechte der Kinder gemäss der Kinderrechtskonvention zu wahren. Im Fall von Nakfa Kibreab hätten die Behörden erkennen müssen, dass es in ihrem Interesse gewesen wäre, ihre nahen Verwandten nachzuholen, indem man ihnen beispielsweise ein humanitäres Visum ausgestellt hätte.

Kein Recht, ins Ausland zu reisen

Laut dem Ausländer- und Integrationsgesetz hat das junge Mädchen noch nicht einmal das Recht, aus der Schweiz auszureisen, weshalb sie ihre Eltern und Geschwister nicht wiedersehen kann. Reisen sind für Personen mit vorläufiger Aufnahme nur in Ausnahmefällen erlaubt und unterliegen sehr strengen Bedingungen. «Ich weine häufig die ganze Nacht, da ich Angst habe, dass ich meine Mutter nie mehr wiedersehen werde. Nachdem sie am Kopf operiert wurde, geht es ihr gesundheitlich schlecht. Wenn ich das Recht hätte zu reisen, könnte ich sie in Äthiopien treffen. Wir könnten ein paar Tage zusammen verbringen und dann würde ich wieder in die Schweiz zurückkommen», erzählt sie.

© Centre Patronal

Trotz der juristischen Hindernisse gibt Nakfa Kibreab nicht auf. Sie klammert sich an den Gedanken, dass sie eines Tages ihre Mutter wiedersehen wird und versucht alles, um sich zu integrieren. Nach einer ersten Ausbildung zur Assistentin Gesundheit und Soziales hat sie eine weitere Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit abgeschlossen.

Aber sie fühlt sich nie ganz erfüllt ohne ihre Familie an ihrer Seite. «Das Leben ist schwieriger, wenn die Menschen, die man liebt, weit weg sind. Ich muss mich weiterbilden, arbeiten und unabhängig werden, damit ich eines Tages den B-Ausweis erhalte. Das ist die einzige Möglichkeit, um reisen zu können und eines Tages meine Familie wiederzusehen. Ich muss in mir selbst diese Kraft finden, um weiterzumachen.»

© Stephan Hermann / COUPDOEIL

Von Karin Mathys, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH