Eine Familie schlägt neue Wurzeln

Für Familie Mouhamad aus Aleppo war die Aufnahme ins Resettlement-Programm des UNHCR und die Ausreise nach einem Jahr des Wartens eine Erlösung. Heute lebt die siebenköpfige Familie im bernischen Oberaargau. Porträt über den Integrationsweg von Resettlement-Flüchtlingen.

Aleppo – Basufan – Beirut. Über diese drei Stationen führte der Weg der Familie Mouhamad nach Herzogenbuchsee. Die letzte Etappe bildete der Flug von Beirut über Istanbul nach Zürich als Teil einer grösseren Resettlement-Gruppe, organisiert vom Flüchtlings-Hochkommissariat der Uno (UNHCR) – ein sicherer Fluchtweg und die erste Flugreise der grossen Familie: Vater, Mutter, drei Töchter von heute 18 bis 28 Jahren und zwei Söhne, 19- und 21-jährig. Was für sie zählte, war: nur raus! Weg aus dem Kriegsgebiet Nordsyrien, weg von einem prekären Immigrantendasein im Libanon. Hinter sich vier Jahre Schutzsuche, vor sich Neuland. Als sie vor dem Landeanflug unter sich die verschneiten Schweizer Alpen erblickte, begann für Ward, die zweitälteste Tochter, ein neues Kapitel: «Der Anblick war fantastisch.»

In die Arbeitswelt einsteigen

Von der deutschen Sprache kannten die sieben Familienmitglieder noch kein Wort, als sie im November 2016 in Zürich ankamen. Über das Land hatte die ganze Reisegruppe in Beirut von Vertretern des Schweizer Staatssekretariats für Migration (SEM) Grundinformationen erhalten. Nach dem Landen ging es rasch: 20 Tage Aufenthalt im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel und dann bereits weiter zum definitiven Wohnort Herzogenbuchsee.

Wo stehen die Mouhamads heute, zwei Jahre danach? Darüber reden Ward heute 25, und ihr Bruder Rebar, 19, bei einem Kaffee im Dorfzentrum. Sie seien wohl in der Schweiz und möchten hier bleiben, versichern beide. Dies, obwohl der Familie zuerst England in Aussicht gestellt worden war, was für Ward einen Vorteil gehabt hätte: Englisch hatte sie im Gymnasium gelernt. Heute sprechen beide recht flüssig Deutsch und verstehen leidlich Dialekt. Rebar trifft Schweizer beim Sport, er lernte hier Boxen. Ward liebt Spaziergänge in Bern, das ihr gefällt; begleiten tun sie meist Schulkolleginnen albanischer Herkunft.

Ganz oben steht für beide der Einstieg in die Arbeitswelt. Ward ist im Programm «Caritas Perspektiven» unterwegs. Ziel ist es, dieses Jahr in Intensivkursen das Sprachniveau B2 zu erreichen und eine Berufslehre mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis zu beginnen. Das teilweise privat finanzierte Caritas-Programm fördert Menschen mit Potenzial intensiv. Für Urs Zürcher, ihren Jobcoach bei Caritas, passt Ward perfekt in diese Auslese: «Sie überzeugte schon im zehntägigen Eignungstest und danach in zwei Schnupperlehren.» Zusammen angepeilt ist eine Malerlehre. Noch lieber würde Ward ihr syrisches Psychologiestudium in der Schweiz fortsetzen, doch das scheidet aus formalen und sprachlichen Gründen heute aus. Rebar möchte Carrosseriespengler werden, er hat schon im Libanon in einer Autowerkstatt mitgearbeitet. Dafür muss er «Rebar hat Chancen, muss aber noch im Deutsch und in Mathematik zulegen», stellt Thomas Kleber fest, Co-Klassenlehrer von Rebars Integrationsklasse im Bildungszentrum Emme in Burgdorf. Er hilft Rebar auch bei den ersten Schritten Richtung Berufslehre.

Als Jesiden diskriminiert

Ward und Rebar scheinen junge Menschen zu sein wie viele andere auch. Doch etwas ist besonders: Sie sind Jesiden. Ihre ganze Familie gehört dieser 4000 Jahre alten Glaubensgemeinschaft an, die Schöpfergott und Engel verehrt, doch keinen Teufel kennt. Es ist eine geschlossene Gemeinschaft: Jeside wird man nur durch Geburt, Mischheirat bedeutet Austritt. Weltweit gibt es eine Million Jesiden; oft wurden und werden sie verfolgt und diskriminiert – in ihrem Ursprungsland Irak und anderswo auch.

Die erste Begegnung mit der ganzen Familie hat in ihrer Wohnung am Rand von Herzogenbuchsee stattgefunden, über einer Autogarage an der alten Zürich-Bern-Strasse. Eingerahmt von Vater Jamou, 61, und Mutter Fahima Kasem, 55, sassen alle sieben auf einem Ecksofa – Ward, Rebar und ihre drei Geschwister. Nada, 15, ist Schülerin, Fidan und Husin peilen schon konkreter Berufe an: Fidan, 28, möchte als Coiffeuse arbeiten wie schon in Syrien und Husin, 21 einen Autoberuf lernen wie sein Bruder.

Der Eltern Hände zeugen von körperlicher Arbeit. Sie beide leben recht zurückgezogen für die Familie, Deutsch macht ihnen Mühe, die Integrationsziele für sie sind bescheidener. Eigentlich wollte Vater Jamou nicht reden und nicht fotografiert werden. Doch der Vorsatz hält nicht lange. Die Familiengeschichte erzählt vor allem er. Es ist die eines Paars vom Land, das nach der Heirat nach Aleppo zieht. Die Rückkehr in Fahimas Heimatdorf Basufan im Nordwesten Syriens, nachdem Bomben das Wohnhaus in Aleppo zerstört hatten, war für die Familie Mouhamad keine gute Lösung. Erstens, weil es keine Wohnung für sie gab: «Wir mussten von einem Haus zum anderen ziehen.» Zweitens, weil es im Bürgerkriegsgebiet Nordsyrien auch kaum mehr Arbeit gab, und für Jesiden Jamou zufolge am wenigsten. So folgte 2013 die zweite Flucht nach Libanon, wo alle sieben notdürftig in einem einzigen Zimmer wohnten.

«Etwas zurückgeben»

Die Aufnahme ins Resettlement-Programm des UNHCR und die Ausreise nach einem Jahr des Wartens empfand die Familie als Erlösung. Auch heute ist sie vor allem dankbar; Klagen oder Forderungen hören ihre Bezugspersonen von ihr kaum je. Und die Integration schreitet fort, getrieben von der jungen Generation. Bei der letzten Begegnung strahlt Rebar förmlich: Er habe eine Schnupperstelle in einem Carrosseriebetrieb im Dorf gefunden, indem er sich ein Herz gefasst habe und alleine hingegangen sei – ein Schritt zu mehr Selbständigkeit. Ward sagte, sie habe sich verlobt, mit einem Jesiden. Arbeiten will sie trotzdem, finanziell auf eigenen Füssen stehen und «etwas zurückgeben».

Text: Ruedi Eichenberger ist Journalist. Seit der Pensionierung vor zwei Jahren arbeitet er an seinem Wohnort Herzogenbuchsee in der freiwilligen Flüchtlingshilfe mit.

Foto: Bernd Konrad / SFH