Alle Informationen in der Hand haben für einen Neustart

Die Rechte und Pflichten von Flüchtlingen, das praktische Leben, der Arbeitsmarkt und die Gesundheitsversorgung in der Schweiz. Das sind die vier Themenbereiche, die an den Informationstreffen für alle neu eingetroffenen Resettlement-Flüchtlinge im Kanton Waadt angesprochen werden.

Für die Inhalte und Vermittlung der ersten drei Themen ist das Bildungsteam der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) von der kantonalen Fachstelle für Flüchtlingsintegration und Rassimusprävention (BCI) beauftragt worden.
Nach herzlicher gegenseitigen Begrüssung sitzen nun sechs syrische Familien, die Ende Oktober und anfangs November 2018 aus dem Flüchtlingslager in Jordanien in die Schweiz eingereist sind, erwartungsvoll im ersten Modul. Während die Kleinkinder liebevoll von Mitarbeitenden der Organisation Appartenance gehütet werden, erfahren 15 Erwachsene und ihre älteren Kinder Wichtiges über ihre Rechte und Pflichten als anerkannte Flüchtlinge in der Schweiz: «Das institutionelle System in der Schweiz ist komplex. Damit man sich darin nicht verliert, muss man wissen, wen man für was kontaktieren kann», erklärt SFH-Ausbildnerin Katy François. Ihre Tipps werden an der Veranstaltung direkt ins Arabische übersetzt, denn die Familien sind dem Französischen noch nicht mächtig. Die Bildungsverantwortliche stellt die wichtigsten Akteure im Asylbereich des Kantons Waadt vor und unterbreitet den Neuankömmlingen einen Fragebogen: «An wen muss man sich zum Beispiel für einen Sprachkurs wenden?» Die Kursbesucherinnen und –besucher wechseln zunächst verstohlene Blicke, bevor sie sich auf Antworten einlassen. «Beim kantonalen Sozialzentrum für die Integration von Flüchtlingen?», meinen einige. «Bei der kantonalen Fachstelle für Flüchtlingsintegration und Rassimusprävention», rufen andere. Katy François lässt erfreut beide Vorschläge gelten.

Eingeschränktes Recht auf Familiennachzug

«Das institutionelle System in der Schweiz ist komplex. Damit man sich darin nicht verliert, muss man wissen, wen man für was kontaktieren kann»

erklärt SFH-Ausbildnerin Katy François.

Es geht weiter mit Fragen rund um die Rechte und Pflichten von Flüchtlingen. Nur wer diese kennt, kann sie auch wahrnehmen und umsetzen. «Welches sind Ihrer Meinung die Rechte und Pflichten eines Flüchtlings in der Schweiz?» fragt Andres Guarin vom SFH-Bildungsteam. «Französisch zu lernen ist eine Pflicht», sagt ein syrischer Familienvater. «Es ist auch ein Recht», präzisiert der Bildungsverantwortliche. «Darüber hinaus haben Sie alle Recht auf medizinische Versorgung, auf eine Wohnung, auf Familienzusammenführung…» Eine Hand erhebt sich im Saal und unterbricht plötzlich die Diskussion: «Können meine zwei erwachsenen Töchter, 21 und 23 Jahre alt, die in Jordanien geblieben sind, mir in die Schweiz folgen?» fragt eine Mutter. «Das ist leider nicht möglich», seufzt der SFH-Ausbildner. «Nach dem Gesetz können anerkannte Flüchtlinge nur ihre registrierte Partnerin oder Partner und ihre minderjährigen Kinder nachkommen lassen.» Bestürzung im Saal, das müssen die Familien zuerst einmal verdauen.

Nun ist die Reihe an Seladjin Doli, einem externen Mitarbeiter des SFH-Bildungsteams. Der eingebürgerte Schweizer stammt ursprünglich aus dem Kosovo und ist hier, um seine Fluchtgeschichte zu erzählen: die Bedrohungen wegen seiner Opposition gegen die Politik, die Zeit im Gefängnis, die Demütigungen, die Folter, die Angst, die überstürzte Flucht aus dem Land mit seiner Frau und seinem Kleinkind, die Überquerung des adriatischen Meers und die Ankunft in Italien. Aufmerksam hören die syrischen Flüchtlinge zu, viele erkennen sich im einen oder anderen Lebensabschnitt wieder. «Wir haben beschlossen in die Schweiz zu kommen, weil mein Schwager hier wohnt», fährt Seladjin Doli weiter. Er beschreibt seinen Integrationsprozess, ohne die Schwierigkeiten zu verbergen, die er zwischen seiner Ankunft, dem Warten auf den Asylentscheid, dem Spracherwerb und der Arbeitssuche erlebt hatte. Trotz all dem wirkt er gelassen und zuversichtlich: «Man darf keine Angst haben, die Dinge arrangieren sich mal für mal. Es werden sich viele Möglichkeiten auftun, um die Sprache zu erlernen, sich auszubilden und eine Arbeit zu finden, auch für euch», ist er überzeugt. Der junge Familienvater hat zuerst an seinem Wohnort als Hauswart gearbeitet. Dann wurde er von der SFH engagiert, um Jugendliche und Erwachsene für Fragen der Flüchtlinge zu sensibilisieren. Eines schönen Tages kontaktierte ihn eine Schweizer Schriftstellerin und motivierte ihn, seine Geschichte für ein französischsprachiges Buch zu erzählen. «Man weiss wirklich nicht, was das Leben für einem bereit hält». Mit dieser hoffnungsvollen Perspektive schliesst er seine Ausführungen ab. Seine Geschichte macht die Teilnehmenden zunächst sprachlos; sie sind berührt von allem, was sie gehört haben. Offenbar ist es möglich, sein Leben neu zu gestalten und sich wieder aufzurichten trotz aller Schwierigkeiten. Das wollen sich alle ins Gedächtnis einprägen.

Um sich mit einem schweizerischen Bewerbungsdossier vertraut zu machen, lesen die Kursteilnehmenden aufmerksam die zu vermerkenden Angaben in einem Lebenslauf. © Karin Mathys/OSAR

Spielerische Seite im Lernprozess

Mit einem interaktiven Quiz beginnt das Kursmodul zum praktischen Leben. Jetzt geht es um den Alltag; das Wohnen, sich bewegen im öffentlichen Raum, die Freizeitgestaltung und zahlreiche Aspekte rund um Staatsbürgerschaft und Bürgerrechte. «Warum muss man die Abfälle trennen? Wieviel Zeit hat man, um seinen Führerschein in der Schweiz anerkennen zu lassen? Wie erfährt man, welche Angebote und Möglichkeiten es in seiner Wohngemeinde gibt?». Diese spielerische Seite im Lernprozess findet grossen Anklang; den Flüchtlingen scheint das Quiz zu gefallen, sie lachen und applaudieren. «Auf diese Weise werden die individuellen Überlegungen der Kursteilnehmerinnen und Besucher herausgefordert. Sie werden so dazu animiert, das neu erworbene Wissen mit ihrer eigenen Praxis und ihren Erfahrungen zu verbinden und es sich so bewusst zu machen», erklärt SFH-Ausbildnerin Katy François in der Pause.
Nun werden die Willkommens-Broschüre der BCI und das schweizerische Schulsystem vorgestellt, jeweils aufgelockert mit kleinen Aufgaben, Szenen- und Rollenspielen. Der pädagogische Ansatz der SFH-Bildung stützt sich nicht nur auf die theoretische Wissensvermittlung ab, sondern umfasst auch visuelle, interaktive und gemeinsam zu lösende Situationen. Diese sind genau dem Profil und den Bedürfnissen dieser Kursteilnehmenden, die momentan nur über rudimentäre Sprachkenntnisse verfügen, angepasst.

Den Zugang zum Arbeitsmarkt vereinfachen

Der Ausbildungsteil über den Arbeitsmarkt wird ein paar Wochen später zusammen mit der SFH-Mitgliedorganisation Caritas Waadt durchgeführt. Für ihre zukünftige Arbeitsintegration werden die Flüchtlinge sensibilisiert auf Fragen zu den Sozialversicherungen (Arbeitsplatzverlust, Umschulung, Erstausbildung) und erfahren mehr über verschiedene Branchen, welche in der Schweiz Arbeit und Ausbildungen anbieten. Sie lernen, ihre bisherigen Ausbildungen und Arbeitserfahrungen zu gewichten und ein wirkungsvolles Bewerbungsdossier zu erstellen. Auch die Rechte und Pflichten als Arbeitnehmende werden thematisiert.
Das Bewerbungsgespräch wird in einem Rollenspiel geübt. «Weshalb möchten Sie in unserer Firma arbeiten?», fragt der Arbeitgeber, der von einem Flüchtling gespielt wird, der sich freiwillig gemeldet hat. «Weil ich gerade um die Ecke hier wohne…», stammelt Katy François, welche in die Rolle einer ungeschickten Kandidatin geschlüpft ist. Die Szene wird anschliessend im Detail mit den Kursteilnehmenden analysiert, damit solche Fehler beim realen Interview vermieden werden können.
Am Schluss bedanken sich die sechs syrischen Flüchtlingsfamilien herzlich bei den Organisatoren und dem SFH-Bildungsteam. Nun erwartet sie ein neues, sicheres Leben in der Schweiz, fern von Krieg und Zerstörung.

Ein Flüchtling studiert die verschiedenen Fragen, die bei einem Bewerbungsgespräch gestellt werden könnten. © Stephan Hermann

Verschiedene Akteure im Dienste des Resettlements

Im Kanton Waadt wird das Resettlement-Projekt von der kantonalen Stelle für Flüchtlingsintegration (Centre social d’intégration des réfugiés CSIR) gesteuert. Die Kantonale Fachstelle für Ausländerintegration und Rassismusprävention (Bureau cantonal pour l’intégration des étrangers et la prévention du racisme BCI) organisiert zwei Informationstage und informiert die Neuankömmlingen über alles, was nötig ist um ein selbständiges Leben aufzubauen. BCI hat die SFH-Bildungsabteilung der Romandie, Caritas Waadt und die universitäre medizinische Polyklinik für die entsprechenden Kursinhalte mandatiert. Die Simultanübersetzungen und die Kinderbetreuung während der Kurse übernehmen Fachpersonen der Organisation Appartenances.

Weitere Informationen zum Resettlement.

Text von Karin Mathys, Redaktorin SFH