Skizzen einer Flucht aus Eritrea

Kibrom Gebremedhin ist 2015 aus Eritrea über den Land- und Seeweg bis in die Schweiz geflüchtet. In einem Notizbüchlein hat er seine Flucht dokumentiert; für seine Frau und seine Kinder, die dank bewilligter Familienzusammenführung 2017 sicher und wohlbehalten in die Schweiz einreisen konnten.

«Ich habe meine besten Jahren gegeben für dieses Land», beginnt Kibrom Gebremedhin zu erzählen. «Ich war insgesamt 16 Jahre lang im Militärdienst, von 1990 bis 1993 als Kindersoldat im Alter von 12 bis 15 Jahren und dann wieder ab 1998 im Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien, da habe ich bis zum Feldwebel gedient. Doch die Sinnlosigkeit dieses Krieges wurde mir mehr und mehr bewusst. Wir haben keine Feinde, wir haben Nachbarn. Das Feindbild existiert nur im Kopf der Militärs und der Regierung, die nicht einmal legitimiert ist, denn wir haben keine offizielle Verfassung.» Seit seiner Kindheit war er täglich der Willkür ausgesetzt, mit vielen Entbehrungen und der Perspektive, ein Leben lang unbezahlte Fronarbeit leisten zu müssen. Die Erinnerung zeichnet Wut und Enttäuschung auf das freundliche Gesicht des heute 43-jährigen Familienvaters. Als die Regierung 2012 begann, alle Eritreerinnen und Eritreer bis 70 Jahren neu zu rekrutieren, sei der Moment gekommen: «Die Aussicht, eine Waffe tragen zu müssen, bis ich 70 Jahre alt bin, für nichts und wieder nichts, sinnlos irgendwelche Brücken oder Grenzgebiete zu bewachen, vor allem aber die Vorstellung, dass auch meine Kinder so aufwachsen müssen, das war zu viel.» Er beschloss, nicht mehr einzurücken und die Flucht nach Europa zu wagen. Um seine Frau und Kinder sowie die Verwandten zu schützen, erzählte er niemandem von seinem Plan.

Das Geschäft mit den Flüchtlingen

Ein kleines, zerfleddertes Notizbüchlein liegt auf Kibrom Gebremedhins Knien. Immer wieder blättert er darin, um Fragmente und Daten seiner Flucht zu überprüfen. Auf manchen Seiten sind die tigrinyschen Buchstaben verschmiert. «Die Spuren von Schweiss, Angst, Hitze und Kälte. Flüchtest du durch Libyen, hast du 50 Prozent Überlebenschance», sagt er. «Alle Männer, die mit mir geflüchtet sind, haben ihr Leben für ihre Familien aufs Spiel gesetzt.»

Seine Flucht beginnt zu Fuss bis über die sudanesische Grenze. Kein Problem für einen ehemaligen Wachtmann und Feldwebel. Ein lokaler Bus bringt ihn in die sudanesische Hauptstadt. Khartum ist seit Jahrzehnten ein Sammelbecken für viele Menschen, die aus den Krisenregionen am Horn von Afrika flüchten müssen. Von ihrer Not profitieren nicht nur Schlepperinnen und Schlepper. Aus eigener Existenznot erpressen auch lokale Gruppierungen die Schutzsuchenden und bedrohen sie mit Denunzierung. «Dieser Druck ist überall und wiederholt sich ständig auf der Flucht. Du bist eine Ware, an dir möchten möglichst Viele verdienen», sagt Kibrom Gebremedhin lakonisch. Manche Schlepper übernehmen hingegen wirklich Verantwortung und sorgen dafür, dass ihre ‚Kunden’ ohne Bedrohungen ans Ziel kommen. Herauszufinden, wer es gut oder böse mit dir meint, sei entscheidend. Denn das erste Ziel heisst, lebend ans Mittelmeer zu gelangen. Dazwischen aber liegt nicht nur eine 2000 Kilometer brütend heisse Wüste mit Nachttemperaturen unter dem Gefrierpunkt. «Die unkontrollierten Militärs, Milizen, Polizeieinheiten, die hungrig nach allem sind, ohne Mitgefühl, zugedröhnt mit Drogen, das ist die grösste Gefahr. Libyen ist wirklich die Hölle. Erpressung, Entführung, Folter, Willkür überall, jeden Tag.»

© Stephan Hermann / COUPDOEIL

Durch die libysche Hölle

Kibrom Gebremedhin pfercht sich für 1600 Dollar zusammen mit 63 weiteren Flüchtenden zunächst in einen Lastwagen bis zur sudanesisch-libyschen Grenze. Dort werden sie von den libyschen Schleppern auf zwei Toyota-Pickups aufgeteilt. Die Hitze mergelt die Körper aus, Arme und Beine sind kaum durchblutet, ein Petflasche Wasser pro Person muss für 24 Stunden reichen, Essen gibt es nicht. «Das Schlimmste waren die Schreie der Gefolterten, wenn für Gelderpressungen ihre Verwandten angerufen wurden», erzählt er. «Die Gewalt und Brutalität ist kaum vorstellbar. Schläge mit Eisen, mit Gewehren, Verbrennungen mit Zigaretten, aus dem Nichts heraus oder um den Gruppendruck zu erhöhen.» Zweimal seien sie unterwegs finanziell ausgepresst und dann weiterverkauft worden. «Wir waren bereits an der Mittelmeerküste von Ajdabia nach Tripolis unterwegs, inzwischen waren wir 135 Personen, als wir gestoppt und zurück ins Landesinnere nach Jufra verkauft worden sind», erzählt er. In Jufra, einer kleinen Oasenstadt, seien über 400 Geflüchtete versteckt in einem Innenhof von der libyschen Militärpolizei festgehalten worden. «Von dort brachten sie uns ins Gefängnis nach Sabha. Nach 12 Tagen kamen wir gegen Bezahlung von nochmals 1000 Dollar frei. Eng aneinander gefesselt, zugedeckt und aufgeteilt in drei grossen Lastwagen ging es schliesslich weiter.» Der Menschenmarkt in Libyen zwischen Schleppern, offiziellen und inoffiziellen Polizisten und Militärs boomt nun schon seit Jahren. «Sklaverei, auch eine arabische Tradition, hat nie aufgehört», sagt Kibrom Gebremedhin, der gut Arabisch und Englisch spricht und solche «Verhandlungen» mitgehört und dokumentiert hat. Das von der EU mitfinanzierte Auffanglager in der Oasenstadt Kufra in Zentrallibyen zum Beispiel ist eine der zahlreichen Menschenhandel-Drehscheiben auf dem Weg zum Mittelmeer.

In Tripolis gelingt ihm schliesslich die Überfahrt nach Catania bereits nach zwei Monaten. Ein Glück, denn die Mehrheit der Geflüchteten verbringt Monate, manchmal Jahre in der Hölle eines libyschen Gefängnisses oder wird mehrfach als Sklavin und Sklave verkauft, gequält, gedemütigt, getötet.

© Stephan Hermann / COUPDOEIL

Sein Leben freikaufen

Wie viel ist ein Menschenleben wert, 5000, 10‘000, 20‘000 Dollar oder mehr? Angesichts der unverantwortlichen Haltung Europas gegenüber diesen verzweifelten Menschen auf der Flucht, sei diese schreckliche, zynische Frage in den Raum gestellt. Nur weil sich die betroffenen Familien anstelle eines funktionierenden Sozialsystems finanziell gegenseitig unterstützen, können Flüchtende überleben und sich vom einen Elend bis zum nächsten freikaufen – bis sie vielleicht doch noch Europa lebend erreichen. Sichere und legale Fluchtwege sind dringend nötig! Kibrom Gebrehemdin. «Niemand flüchtet freiwillig. Man wagt es einmal, um das Überleben seiner Familie zu sichern», sagt er. «Ich habe dafür mein gesamtes Vermögen eingesetzt, alles was ich erspart habe, und mich dafür auch verschuldet. Das Schlimme aber ist doch, dass man damit ein menschenverachtendes System unterstützt und es nicht aufhören wird. »

Das Notizbüchlein ist nicht nur gefüllt mit Schrecklichem. Auch die glückliche Rettung eines dehydrierten Säuglings dank Kibroms Mut, Sprachgewandtheit und seinem Geschick zu vermitteln, ist darin festgehalten. Diese schriftliche Dokumentation hilft ihm schliesslich, in der Schweiz seine Fluchtgründe in den Anhörungen glaubhaft aufzuzeigen. «Ich bin jeden Tag froh und dankbar dafür, dass ich hier in der sicheren Schweiz mit Frau und Kindern ein zweites, freies Leben aufbauen darf, und sie vor dieser Flucht verschont geblieben sind», betont er immer wieder.

Noch sei es zu früh, die Kinder mit der Wahrheit seiner Flucht zu konfrontieren. Sie sollen Schule und Ausbildung in Ruhe durchlaufen. «Ich sehe mich als Vorbild und ich bin verantwortlich für das Leben meiner Frau und meiner Kinder hier in der Schweiz», sagt er. Irgendwann aber soll das Notizbüchlein auf Deutsch übersetzt werden, denn «…es gehört zu unserer Familiengeschichte.»

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH