Vereint nach sechs Jahren Trennung

Selamawit Kidané konnte ihren Sohn erst nach sechs Jahren in der Schweiz wiedersehen. So lange hat das hürdenreiche Verfahren für die Familienzusammenführung gedauert. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) plädiert für eine Reform dieser komplizierten Verfahren.

«Als ich meinen Sohn am Flughafen erblickt habe, brach ich in Tränen aus. Es waren natürlich Freudentränen und eine tief empfundene Erleichterung», verrät Selamawit Kidané. Denn all die Traurigkeit, der Stress und die Angst, die sich in diesen Jahren der Trennung angesammelt haben, konnte sie bei diesem Wiedersehen am Genfer Flughafen im Januar 2021 endlich loslassen.

© Selamawit Kidané

Nachdem ihr Ehemann an den Folgen einer Krankheit in Eritrea verstorben war, verliess die Mutter zweier Kinder ihr Heimatland im 2015 zusammen mit ihrer dreijährigen Tochter Rahewa. Ihren damals achtjährigen Sohn Selihom musste sie zurücklassen, weil es Kindern über fünf Jahre nicht erlaubt war, das Land zu verlassen. Er sollte später nachkommen. Bis dahin würde er von seiner Grossmutter mütterlicherseits versorgt. «Ich erhielt von der Regierung ein 30-tägiges Ausreisevisum für meine Tochter und mich und reiste dann in den Sudan», erklärt sie. «Aber ich liess die Frist verstreichen und wagte aus Angst vor den Repressalien des Regimes nicht, nach Eritrea zurückzukehren», fügt sie hinzu.

Anschliessend durchquerte sie mit ihrer Tochter den Sudan, Libyen und dann das Mittelmeer. Im Juli 2015 reichte sie für sich und ihre Tochter Rahewa in der Schweiz ein Asylgesuch ein. Sie wurden dem Kanton Jura zugeteilt, der zu ihrem neuen Wohnsitz werden sollte. Im Mai 2016 erhielten sie den Status vorläufig aufgenommener Flüchtling (Ausweis F).

Zu strenge Verfahren

Als vorläufig Aufgenommene hat Selamawit Kidané grundsätzlich keinen Anspruch darauf, ihren Sohn in die Schweiz zu holen. Nur wenn ganz bestimmte Bedingungen erfüllt sind, kann ihr eine Familienzusammenführung gewährt werden: Unter anderem musste sie deshalb drei Jahre warten, um einen Antrag auf Familienzusammenführung überhaupt stellen zu können. Dieser kann nur für Ehegatten und minderjährige Kinder eingegeben werden. Selamawit Kidané musste sich ausserdem auf Französisch verständigen können und finanziell unabhängig sein. In der Praxis sind derartige Hürden für viele Betroffene unüberwindbar. Die SFH fordert deshalb für Familienzusammenführungen von vorläufig aufgenommenen Geflüchteten mehr Grosszügigkeit: Die Realität zeigt, dass Betroffene meistens dauerhaft in der Schweiz bleiben müssen, weil sie in ihren Herkunftsländern Krieg, Vertreibung und Gewalt ausgesetzt wären. Die Familienzusammenführung ist also eine der wenigen Möglichkeiten, um Familien auf sicheren und geschützten Wegen wieder zu vereinen und ihnen das international verbriefte Recht auf Familienleben zu ermöglichen.

Trotz dieser Hindernisse gab Selamawit Kidané nicht auf. Bei ihrer Ankunft in der Schweiz konnte sie kaum lesen und schreiben, war jedoch von Anfang an hoch motiviert, die französische Sprache zu erlernen. Sie absolvierte von 2016 bis 2019 entsprechende Sprachkurse. «Ich fühlte mich machtlos. Das Einzige, was ich tun konnte, um meinen Sohn eines Tages wiederzusehen, war, die französische Sprache zu erlernen und Arbeit zu finden», erinnert sie sich tief bewegt. Und dies sollte ihr schliesslich gelingen: Sie fand eine Teilzeitstelle.

Selihom alleine in Eritrea

© Stephan Hermann / COUPDOEIL

Im April 2019 erfuhr sie, dass ihr 13-jähriger Sohn allein aus Eritrea geflüchtet war, um zu seiner Mutter und zu seiner kleinen Schwester zu gelangen. Seine Grossmutter war zu alt geworden, um ihn zu versorgen. «Er blieb mehrere Monate im Flüchtlingscamp Adi Harshi in Äthiopien und wohnte dann mit einer Freundin von mir in Addis-Abeba», erzählt Selamawit. Diese Freundin kümmerte sich mehrere Monate lang um ihn, bis sie der Mutter im Februar 2020 mitteilte, dass sie nicht mehr die finanziellen Mittel habe, um ihn weiter zu versorgen. 

Der Sohn war urplötzlich auf sich selbst gestellt. «Ich habe mir solche Sorgen um ihn gemacht. Ich hatte solche Angst, dass ihm etwas passiert», seufzt die junge Mutter. 

Das Gesuch auf Familienzusammenführung wurde angenommen

Im Februar 2020 stellte Selamawit Kidané mit Unterstützung der Caritas Schweiz einen Antrag auf Familienzusammenführung, da sie nun die meisten Bedingungen erfüllte. Einige Monate später, im Oktober 2020, wurde ihr Antrag vom Staatssekretariat für Migration (SEM) angenommen: Selihom konnte in der Schweiz aufgenommen werden. Sie leitete umgehend alle administrativen Schritte bei der Botschaft in Addis-Abeba in die Wege und kaufte ein Flugticket für ihren Sohn

© Stephan Hermann / COUPDOEIL

Nach sechsjähriger Trennung konnte sie ihn im Januar 2021 am Flughafen Genf endlich wieder in ihre Arme schliessen. Nun kann die kleine Familie ein neues Leben beginnen. 

Von Karin Mathys, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH