Wieder eine ganze Familie sein

Seit 20 Monaten lebt ein alleinerziehender Vater aus Afghanistan mit seinem sechsjährigen Sohn in der Schweiz. Die fünfköpfige Familie wurde auf der Flucht getrennt. Das Schicksal dieser auseinandergerissenen Familie steht für viele. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) fordert, dass die Schweiz das Recht auf Familienleben entschiedener schützt.

«Mein Sohn vermisst seine Geschwister sehr. Er möchte sie am liebsten jeden Tag anrufen», sagt Vater A.H.* und streicht seinem Sohn liebevoll über die Haare. Der Sechsjährige schmiegt sich an die Beine seines Vaters und zeigt scheu eine bunte Zeichnung. 

© Stephan Hermann / COUPDOEIL

Seit zwei Monaten ist er eingeschult in die erste Klasse der Primarschule. Er geht gern zur Schule und kann sich schon gut in Deutsch und auch im Dialekt verständigen. «Wir lernen oft zusammen mit Kinderbüchern und Comixheften oder mit Lektionen, die wir über YouTube finden», erklärt der Vater.

Alleine mit seinem Sohn geht es A.H. wie vielen Alleinerziehenden: Sie machen den Spagat zwischen den Stundeplänen und Hausaufgaben ihrer Kinder, den eigenen Verpflichtungen wie Arbeit, Aus- oder Weiterbildung und schützen ihre Kinder vor einschneidenden existenziellen Problemen. Bei Geflüchteten mit vorläufiger Aufnahme kommen die hohen Anforderungen der Integration dazu: Sprache erlernen, Wohnung und Arbeit finden, um möglichst rasch von der Sozialhilfe unabhängig zu sein. Dies sind gleichzeitig die wichtigsten Kriterien, damit ein Gesuch für den Familiennachzug überhaupt eine Chance hat. Vorläufig Aufgenommene müssen zudem drei Jahre warten, bis sie das international verbriefte Menschenrecht auf Familienleben einfordern können.

Gleiches Recht für alle

«Familien gehören zusammen. Auch Geflüchtete». Dafür sensibilisiert die SFH am nationalen Flüchtlingstag am Samstag, 19. Juni 2021 und am Flüchtlingssonntag, am 20. Juni 2021. Sie knüpft daran klare Forderungen, die in einem Positionspapier festgehalten sind. Sie fordert vor allem, dass für alle Schutzberechtigten, unabhängig ihres Aufenthaltsstatus, ein gleiches Recht auf Familienzusammenführung gilt.

© Stephan Hermann / COUPDOEIL

Für A.H. und seine Familie ist diese Forderung besonders wichtig. Sie haben vor einem Jahr den F-Ausweis bekommen, eine vorläufige Aufnahme für Ausländer, ohne Anerkennung der Fluchtgründe. «Wir haben den Asylentscheid mitten in der Corona-Zeit erhalten», erzählt der Vater. «Eine Beschwerde zu machen war damals innert Frist mit Hilfe einer kostenlosen Rechtsberatung nicht möglich.» Jetzt leben die Beiden im Provisorium, können theoretisch jederzeit nach Afghanistan weggewiesen werden und müssen mindestens noch drei Jahre warten, bis sie ein Gesuch für eine Familienzusammenführung stellen können. Bis dann müsste der Vater ökonomisch unabhängig sein, über eine Wohnung für fünf Personen verfügen und sprachlich sowie gesellschaftlich genügend integriert sein. Dreimal die Woche besucht A.H. einen Deutschkurs. Er schreibt jedes neue Wort auf, lernt fleissig zusammen mit dem Sohn und kann sich schon gut verständigen. Seit zwei Monaten wohnen Vater und Sohn in einer eigenen Wohnung in einem grossen Block mit vielen anderen Migrierten. Zuvor lebten sie in Asylunterkünften mit wenig Privatsphäre und kaum Aussenkontakt.

 «Hier grüsst man sich im Treppenhaus, Kollegen besuchen mich und mein Sohn kann mit anderen Kindern spielen», freut sich der Vater. «Ich glaube aber, alles würde noch viel besser und schneller gelingen, wenn meine Frau, meine Tochter und mein zweiter Sohn auch hier wären…»

Belastende Ungewissheit

Beim besten Willen, den A.H. und sein Sohn jeden Tag von neuem zeigen, bleibt die psychische Belastung enorm: «Ich bin oft ganz durcheinander», sagt A.H. leise. «Ich sorge mich dauernd um meine Frau und meine zwei Kinder, die jetzt ohne Schutz ausserhalb von Kabul leben müssen. Oft kann ich nicht schlafen.»

© Stephan Hermann / COUPDOEIL

Die Familie flüchtete gemeinsam Hals über Kopf in den Iran, nachdem sie unbedarft mit ihrem Blumenladen in Kabul zwischen die Fronten verfeindeter Kunden geriet. Doch im Iran drohte dem Vater sofort die Rekrutierung in den Syrienkrieg: «Schweren Herzens beschlossen meine Frau und ich, uns zu trennen um die Kinder zu schützen.» A.H. flüchtete mit dem ältesten Sohn weiter in Richtung Europa, während die Mutter und die zwei kleineren Kinder in Teheran hätten bleiben sollen. Nach einem Streit wurden sie von einer Nachbarin verraten, von den iranischen Behörden wegen fehlender Ausweispapiere eine Woche inhaftiert und anschliessend nach Afghanistan ausgewiesen. «Das war schrecklich, ich wusste nicht, wo sie waren und konnte nichts tun», erinnert sich der Vater. «Auch jetzt ist die Situation gefährlich für sie als alleinstehende Frau mit zwei kleinen Kindern. Ich bin froh, dass wir mit dem Handy wieder Kontakt haben», erklärt der Vater. «Wir vermissen uns alle sehr und mein Sohn fragt mich jeden Tag, wann er seine Mama und seine Geschwister endlich wieder sehen kann.»

*anonymisiert, Name der Redaktion bekannt

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH