Tun, was man auch für Freunde tut

Petra Brodwolf und Kibrom Gebremedhin kennen sich seit Herbst 2016, als er in Brienz eine Wohnung fand. Zusammen mit fünf weiteren Eritreern wurde er vom Brienzer Gesamtgemeinderat der Bevölkerung in einem Aufruf über die Lokalpresse vorgestellt. Man solle sie willkommen heissen. Petra Brodwolf hat den Ball aufgenommen und engagiert sich freiwillig für die Flüchtlinge in Brienz.

© Barbara Graf / SFH

Manchmal macht Petra Brodwolf ihren Arbeitsplatz, die Brienzer Gemeinde- und Schulbibliothek, zu einem öffentlichen Austausch- und Begegnungsraum für Geflüchtete und Einheimische. Derzeit übt Petra Brodwolf dort mit Kibroms Frau, Salam Temesgen Deutschkonversation und sie tut es von Herzen freiwillig. Warum?

«Ich habe gar nicht viel überlegt, es hat mich einfach interessiert», sagt sie rückblickend. «Offizielle Schreiben sind auch für uns oft schwer zu verstehen. Es macht mir Freude, in einfachen Worten und leicht verständlicher Sprache zu erklären, was da drin steht. Eigentlich mache ich nichts Besonderes, ich tue, was ich auch für Freunde tun würde.» Sie unterstützt die Flüchtlinge auch bei der Wohnungs-, Arbeits- und Lehrstellensuche oder begleitet sie bei Arztbesuchen, alles immer mit dem gesunden Menschenverstand. Die ausgebildete Physiotherapeutin ist sich das Quereinsteigen gewohnt: «Ich vermute, dass ich deshalb den Mut habe, auch einmal etwas zu tun, das ich gar nicht gelernt habe. Ich denke mir dann, ‚jetzt emal luege‘. Wenn es mir zuviel wird, kann ich ja wieder aufhören. Andererseits bin ich mir bewusst, dass die Arbeit mit den Geflüchteten auch Kontinuität bedeutet. Ich kann sie nach dieser langen gemeinsamen Zeit nicht einfach im Stich lassen. Und auch ich würde die Kontakte mit ihnen sehr vermissen.»

Mitfiebern und abgrenzen

Petra Brodwolf arbeitet zu 40 Prozent als Leiterin der Gemeinde- und Schulbibliothek und zu 20 Prozent im Sekretariat der international bekannten Geigenbauschule von Brienz. Ihre drei erwachsenen Kinder sind mittlerweile in Ausbildung und ausgeflogen.

«Hier in unserem Wohnzimmer hat alles angefangen», erzählt sie. «Wie viele Male haben wir hier einfach auf Deutsch geplaudert, zusammen Behördenbriefe übersetzt, uns gefreut, wenn eine definitive Aufenthaltsbewilligung eintraf oder eben gebangt, wenn noch nichts eingetroffen war.»

Sie habe bald gemerkt, dass ihre Gäste wohl vieles auf Deutsch auswendig wussten, inhaltlich aber kaum verstanden hätten. «Die Sprache ist zentral, aber dazu gehört nicht nur das Sprechen sondern vor allem auch das Verstehen. Deshalb begann ich einfach Gespräche, Konversation anzubieten und zwar hier in diesem Raum.» Denn die eritreische Gastfreundschaft war ihr mit der Zeit einfach zu intensiv. Abgrenzung sei für die Kraft, sich freiwillig zu engagieren, wichtig, ist Petra Brodwolf überzeugt. «Die Arbeit mit den Geflüchteten ist sehr schön. Sie schätzen meine Unterstützung und sehen, dass es nicht selbstverständlich ist. Doch es ist halt menschlich intensiv, man bekommt eine Beziehung, man fiebert bei jedem Schritt mit. Oft wird man zum Essen eingeladen, ist noch privat dabei, ich brauche da immer wieder einmal eine Pause», lacht sie und ergänzt: „aber wahrscheinlich bin ich auch von meinem Typ her eher zurückhaltend und brauche zwischendurch Zeit für mich.“ Mittlerweile werde das von den Geflüchteten auch gut verstanden.

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Ein persönliches Engagement

Als Start für ihr freiwilliges Engagement sei sie im Internet auf ein Video gestossen, das ihr sehr geholfen habe. «Zwei Dinge sind mir dabei geblieben: erstens dürfen Flüchtlinge auch nein sagen zu einem Hilfsangebot und zweitens sollte das Thema Flucht von fachunkundigen Person nur zurückhaltend angesprochen werden, es sei denn, die Betroffenen erzählen von sich aus davon.» Sie sei auch von der Caritas Bern angefragt worden, sich als Freiwillige zu melden, um Kurse zu besuchen und auch finanziell zum Beispiel für Spesen unterstützt zu werden. «Es ist toll, dass das möglich ist, es ist eine Wertschätzung», findet Petra Brodwolf. «Selber möchte ich das nicht in Anspruch nehmen. Ich sehe es als mein persönliches Engagement an, das ich selber gestalten und strukturieren möchte.» Es sei für beide Seiten ein Geben und Nehmen, es funktioniere nur, wenn alle mitwirken.

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH

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