Im Familienverbund gelingt der Integrationsprozess besser

Am 17. November 2017 konnte Kibrom Gebremedhin endlich seine Frau Salam und die vier Kinder am Flughafen Zürich in die Arme schliessen. Zweieinhalb Jahre musste er warten, bis das gemeinsame Leben in Brienz wieder ganz neu beginnen konnte.

© Stephan Hermann / COUPDOEIL

Genaue Daten und Termine kann sich Kibrom Gebremedhin mit Leichtigkeit einprägen, seit er am 4. Juni 2015 im Empfangs- und Verfahrenszentrum Vallorbe ein Asylgesuch gestellt hat. Er hat die lebensgefährliche Flucht überlebt: aus Eritrea über den Sudan, durch die libysche Wüste bis nach Tripolis. Dann eingepfercht mit zahlreichen Schutzsuchenden in einem Boot, weiter über das Mittelmeer bis nach Italien – und schliesslich per Zug bis in die Schweiz. «Niemand verlässt seine Heimat freiwillig. Wie so viele eritreische Männer habe ich mich für meine Familie geopfert, für ein Leben frei von Sklaverei.»

Der ehemalige Feldwebel konnte seine Verfolgung durch das Regime glaubhaft belegen, erhielt am 1. Februar 2017 die Aufenthaltsbewilligung B und reichte sofort ein Gesuch für die Familienzusammenführung ein. Dieses wurde beim zweiten Versuch und mit Unterstützung von Caritas Spiez vom Staatssekretariat für Migration (SEM) im Herbst 2017 bewilligt.

Turnen, Karate, Fussball

«Niemand verlässt seine Heimat freiwillig. Wie so viele eritreische Männer habe ich mich für meine Familie geopfert, für ein Leben frei von Sklaverei.»

© Stephan Hermann / COUPDOEIL

Inzwischen hat sich die mittlerweile siebenköpfige Familie mitten in Brienz gut eingelebt. Die fünfjährige Rutha geht in den Kindergarten, die zehnjährige Rigbe, der dreizehnjährige Petros und die älteste Tochter Bethel, fünfzehnjährig, sind in Regelklassen in Brienz eingeschult. Sie können inzwischen sprachlich dem Unterricht gut folgen, verbringen ihre Freizeit im Turnverein, beim Fussballspiel oder im Karateclub. Mutter Salam paukt nachts, wenn die Kinder und vor allem Nesthäkchen Paulusschlafen, Deutschvokabeln, besorgt mit knappem Budget den Haushalt und verwöhnt Besucherinnen und Besucher nach den Regeln der eritreischen Gastfreundschaft. «Hier in Brienz geht es uns wirklich sehr gut. Die Kinder fühlen sich wohl und es gibt hier so viele freundliche und hilfsbereite Menschen, die uns mit allem möglichen unterstützen, Spielsachen, Kleider, Deutschunterricht und so weiter», erzählen die Gebremedhins heute. Vater Kibrom peilt eine Ausbildung als Fachmann Betreuung an, arbeitet derzeit beim Jugendhilfe-Netzwerk Schönfels in Interlaken. Der gelernte Maurer kann wegen einer Kriegsverletzung viele Berufe nicht mehr ausüben.

Hilfsbereites Brienz

Dank einer «Information und Aufruf zur Mithilfe» des Brienzer Gesamtgemeinderat im Herbst 2016, wissen die über 3000 Bewohnerinnen und -bewohner, dass in ihrem schmucken Holzschnitzerdorf mit grosser touristischer Ausstrahlung auch Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge leben. «Das war für unseren Integrationsprozess eine grosse Hilfe», freut sich Kibrom. Auf der gemütlichen Sitzecke neben ihm nickt Petra Brodwolf: «Stimmt, so haben wir uns kennengelernt. Inzwischen ist es daraus eine Freundschaft geworden.» Nach dem Aufruf im September 2016 hat sie die Bibliothek als öffentlichen Raum für Begegnungen und Austausch zur Verfügung gestellt und unterstützt freiwillig die meisten Asylsuchenden in Brienz.

Sie begleitet sie bei Arztbesuchen, übersetzt kryptische Behördenbriefe, hilft bei der Wohnungs-, Arbeits- und Lehrstellensuche, lädt zur Deutschkonversation zu sich nach Hause ein. «Man trägt Erfolge und Schwierigkeiten für eine gewisse Zeit gemeinsam», sagt sie. «Als die Familie von Kibrom dann an einem kalten Novembertag in Brienz eintraf, hat es mich umgehauen. Es war sehr schön und berührend, die grosse Erleichterung von Kibrom und Salam und die unbändige Freude der Kinder mit zu erleben.» Kibrom erzählt, dass seine Frau über seine Flucht immer schweigen musste. 2016, als er schon in der Schweiz war, flüchtete Salam mit den vier Kindern in ein Flüchtlingslager nach Äthiopien. «Wären sie erwischt worden, dann wäre Salam jetzt im Militär versklavt, Sohn und Töchter schon Soldatinnen; eine furchtbare Vorstellung.»

© Barbara Graf / SFH

Erleichterte Familienzusammenführung

Die SFH setzt sich dafür ein, diese hohen Hürden für Familienzusammenführungen in der Schweiz zu beseitigen. Die dreijährige Wartezeit sowie die finanziellen Auflagen für vorläufig Aufgenommene sollen abgeschafft werden. Zugleich gilt es, den Familienbegriff so zu erweitern, dass anerkannte oder vorläufig aufgenommene Flüchtlinge künftig in der sicheren Schweiz auch wieder mit den Eltern, Grosseltern, Geschwistern und Enkeln zusammenleben können. Weitere Informationen.

Text von Barbara Graf, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH