«Er versteht, wie die Schweiz funktioniert»

Delia Clausen arbeitet seit fünf Jahren im Flüchtlingssozialdienst von Caritas Bern, davon zwei in der 2017 neugegründeten Regionalstelle Oberland in Spiez. Die 27-jährige Sozialarbeiterin betreut rund 75 Dossiers von vorläufig aufgenommenen und anerkannten Flüchtlingen. Darunter ist auch jenes der eritreischen Familie Gebremedhin, die in Brienz Wurzeln geschlagen hat.

© Barbara Graf / SFH

Welche Rolle spielt die Caritas bei Familienzusammenführungen allgemein?

Familienzusammenführungen gehören nicht zu unserer Kernaufgabe. Wir machen die Klientinnen und Klienten darauf aufmerksam, unterstützen sie bei der nötigen Administration, zum Beispiel mit Vorlagen für Anträge an das Staatssekretariat für Migration (SEM) oder an die Botschaften in den Herkunfts- oder Nachbarländern. Wir helfen beim Formulieren und beim Einhalten der Fristen, aber wir können keinen Einfluss auf die Entscheidung nehmen.

Wie verlief die Zusammenführung bei der Familie von Kibrom Gebremedhin?

Herr Gebremedhin hat alles selber gemacht. Er ist gut informiert und gut vernetzt, sehr engagiert und übernimmt gerne Eigenverantwortung. Es ging in ihrem Fall sehr rasch: Nachdem Herr Gebremedhin im Februar 2017 die B-Bewilligung erhalten hatte, stellte er im März 2017 das Gesuch um Familiennachzug an das SEM. Er beschaffte die Heiratsurkunde, die Pässe, die Geburtsurkunden. Im September 2017 kam die Zusage vom SEM, das ging im Vergleich zu anderen Fällen sehr rasch.

Wie haben Sie Kibrom Gebremedhin wahrgenommen, während der Zeit des Wartens, nach der Zusage und als seine Familie schliesslich im November 2017 in die Schweiz gekommen ist?

Herr Gebremedhin war stets motiviert, freundlich und immer sehr beschäftigt; er reiste ja dann auch nach Äthiopien, um die Reisepässe und die ganze Bürokratie zu erledigen. Als die Zusage kam, war er überglücklich und sehr erleichtert. Er sagt, er sei der Schweiz dafür sehr dankbar und so handelt er auch: zuverlässig, vermittelnd, respektvoll und freundlich gegenüber allen Menschen, dem gesellschaftlichen und politischen System hier in der Schweiz stets verpflichtet.

Was hat sich seit der Ankunft seiner Familie für Kibrom geändert?

Für Herr Gebremedhin bedeutete das viel Arbeit. Er sieht sich immer als ein Vorbild für seine Kinder. Er hat von Beginn weg alles selber in die Hand genommen, die Wohnungssuche, die Einschulung der Kinder, seine eigene Arbeitsintegration und die Betreuung seiner damals hochschwangeren Frau.

Wie verläuft der Integrationsprozess der Familie Gebremedhin Ihrer Ansicht nach heute?

Die Familie ist gut verwurzelt in der Gemeinde Brienz. Man kennt sie im Dorf und sie werden glücklicherweise von einigen freiwillig engagierten Menschen vorbildlich unterstützt und begleitet. Wir sind froh, dass sie in Brienz bleiben konnten. Die Kinder gehen gerne zur Schule, haben Freunde gefunden, verbringen ihre Freizeit in lokalen Sportvereinen. Die Mutter, Salam Temesgen lernt Deutsch, Herr Gebremedhin schult sich als ehemaliger Maurer wegen seiner Beinverletzung nun zum Pflegefachmann um.

Herr Gebremedhin hat sich in der Schweiz rasch zurechtgefunden, auch dank seiner sprachlichen Begabung; das erleichtert natürlich vieles. Er ist immer bemüht, alles korrekt auszuführen, bleibt bei Veränderungen lösungsorientiert und flexibel, man kann sagen, er versteht, wie die Schweiz funktioniert. Die Familie hält zusammen, sie ist für alle ein Hort der Geborgenheit. Das ist nicht immer so; manche Familien zerbrechen an den Anforderungen im neuen Leben oder an Generationenkonflikten oder finden kaum Anschluss. Es ist sehr individuell. Ich denke, die Gebremedhins sind für sich selber, für die Gemeinde und für alle, die sie begleiten, eine Bereicherung.

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH

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